Art for Europe

Kontinent der Kunst

Protestkultur

Seit Herbst 2004 reise ich für das Projekt Art for Europe durch Europa und damit natürlich auch immer wieder durch Deutschland. Eine der Hauptaufgaben denen ich in diesen fünf Jahren nachgegangen bin, ist die Dokumentation von Kunst und Kultur in Europa. In den ersten drei Jahren verschickte ich insgesamt fast 100 Reiseberichte mit über 1.000 Fotos an eine treue Lesergemeinschaft, die über die Jahre stetig größer wurde, dann stieg ich auf diese Internetplattform um, um meine Erlebnisse einem noch größeren Publikum zur Verfügung stellen zu können. Damit auch niemand etwas vermisst, werden hier natürlich auch die Erlebnisse vom ersten Tag der Reise an nach und nach beschrieben. Gab es nun in den letzten Wochen sehr viel Aktuelles, gerade auch im Kontext zu `Das postdemokratische Konjunkturpaket III`, welches im letzten Monat im Rahmen von `Wohnraum ist KunsTraum` Premiere in Köln feierte, geht es nun noch einmal um ein etwas älteres Ereignis. In diesem Reisebericht geht es um meinen Besuch des G8-Gipfels in Heiligendamm im Sommer 2007.

Die Staatsmacht und die Freiheit

Einige Wochen vor diesem großen Ereignis hatte ich noch die Gelegenheit einige Beamte in der Eifel kennen zu lernen, deren Aufgabe es in Heiligendamm sein sollte für Sicherheit zu sorgen. Auch dies sollte eine spannende Begegnung sein, da ich mich später in Heiligendamm selbst doch eher von den Ordnungshütern fernhielt. In gewohnter Art und Weise trampte ich also nun über Hamburg an den Rand von Rostock. Viele Menschen hatten mich im Vorfeld vor diesem Teil meiner Reise 01-camp-reddelich-1.jpggewarnt, gerade auch, da es kurz vor meinem Aufbruch auch noch zu schwersten Ausschreitungen in Rostock gekommen war aber mein Entschluss stand fest. Am Rande von Rostock angelangt, stand ich an einem riesigen Einkaufszentrum, wo ich auch noch einmal die wichtigsten Vorräte für die nächsten Tage einkaufen konnte und dann trampte ich weiter und landete so im Camp Reddelich. Schon kurz vor Rostock fiel mir dieses riesige Aufgebaut an Polizei auf und desto näher ich an das Camp heran kam, desto massiver wurde es natürlich auch. Ich sollte die nächsten Tage auch keine Ruhe mehr bekommen, da es eine ständige Lärmkulisse aus Martinshörnern und Hubschraubern gab und dies täglich 24 Stunden am Stück. Direkt nach meiner Ankunft erkundete ich als erstes einmal das Camp und schon bald wurde mir einiges klar.

Den Protest der sich hier gegen den G8-Gipfel zeigte, bedeutete für mich, dass sich die Menschen gegen die Globalisierung, gegen zu viel Staat und zu wenig Freiheit einsetzten, also erst einmal für ein sehr akzeptables Ziel. Man machte mir auch schon in ersten Gesprächen im Camp klar, dass ich mir unbedingt die Notrufnummer des Anwaltsnotdienst notieren müsste, falls ich verhaftet werden sollte, was im Rahmen dieses Protestes hier auch alltäglich war. Wenn man nun diese 02-camp-reddelich-2.jpgMasse an Polizei sieht und sich in einem Camp befindet, wo die Eingänge mit schweren Barrikaden geschützt sind, die so konzipiert sind, dass man sie jeder Zeit hätte anzünden können, ist dies natürlich auch mit einem gewissen Maß an Anspannung verbunden. Dies gilt natürlich auch, wenn man ständig hört, dass die Polizei darüber nachdenkt dieses Camp zu stürmen und man sich leicht überlegen kann, was dann passieren würde, denn es war auch klar, dass es hier beide Seiten sehr ernst meinten. Ich musste aber auch bald feststellen, dass es mit der Freiheit in diesem Camp nicht großartig anders war, als vor den Türen des Camps. Auf dem Gelände des Camps herrschte ein absolutes Fotoverbot und Menschen, wie ich, die Fragen stellten und Fotos machten und das auch noch auf eigene Faust, waren nicht gerne gesehen. Die Freiheit stelle ich mir anders vor. Natürlich gibt es unzählige Begründungen für all dies aber die liefert der Staat ebenso.

Der Zaun

Es war dieses allgemeine Gefühl was aufkam, denn auch in diesem Camp war alles sehr streng organisiert, es gab ein Mediencenter, eine Rezeption, Essensausgaben etc. all dies wirkte merkwürdig, wenn man sich überlegt, dass man hier in einer gewissen Art und Weise genau gegen diese Art Leben protestierte. Womit wir auch direkt beim Kernthema dieses Berichtes wären, der Protestkultur. Natürlich habe ich die Zeit im Camp Reddelich vor allem auch dafür genutzt sehr viel mit den Demonstranten zu sprechen, auch wenn sich dies häufig als außerordentlich kompliziert darstellte, da es wohl ein beliebtes Mittel der Polizei war Zivilbeamte ins Camp zu schicken, um so an Informationen zu gelangen und somit natürlich eine große Skepsis bestand. Bei diesen Gesprächen wurde bald klar, was auch keine allzu große Überraschung war, dass viele Menschen hier mit den Verhältnissen im Land nicht einverstanden waren. Dies ist natürlich in einer gewissen Weise auch nachvollziehbar, was ich allerdings erschreckend fand, war der absolute Mangel an vernünftigen Alternativen, denn 03-demonstranten-1.jpgich meine ein einfaches `dagegen` reicht bei weitem nicht aus.  Man hatte zum Teil so oder so das Gefühl, dass der Anteil derer, die hier waren um einfach einmal zu protestieren und der Anteil derer, die einfach nur auf der Suche nach sinnloser Gewalt waren, die Mehrheit stellte. Nach wirklichen politischen oder philosophischen Ansätzen musste man hier sehr lange suchen, was man von der Gewaltbereitschaft nicht sagen konnte. So zerstörten irgendwelche Camp-Bewohner die Zäune und Vorgärten der umliegen Häuser und das bei einer Bevölkerung, die diesem Camp eigentlich sehr positiv gegenüberstand. Auch so etwas ist es, was am Ende des Tages nur dem bestehenden System hilft aber soweit denken diese Menschen scheinbar nicht bzw. ist es ihnen offensichtlich völlig egal.

Natürlich stand während diesem Reiseteil auch ein Abstecher an den Zaun der den Tagungsort schützen sollte an. Problematisch war es allerdings, da die Polizei großräumig alles mit einem massiven Aufgebot abgeriegelt hatte, so musste man sich durch das offene Gelände in Richtung Zaun aufmachen. Ich war mit einer Gruppe von etwa 10 bis 15 Personen unterwegs, die auch kein Problem damit hatten irgendwelchen Bauern die Ernte zu zertrampeln, wo es natürlich auch schon wieder grenzwertig wurde. Irgendwann gelangten wir an einen etwas größeren Waldweg und hier sollten sich unsere Wege auch trennen, da es auch hier ein massives Problem mit meiner Kamera gab, obwohl ich mit ihnen ausführlich diskutiert hatte, was mein Anliegen sei. Es dauerte nicht lange bis ein großes Aufgebot an Polizeifahrzeugen inklusive Räumpanzern etc. anrückte, die Kolonne stoppte dann etwa 100 bis 200 Meter von der Gruppe, in der ich mich zu diesem Zeitpunkt befand und die Beamten stürmten auf uns zu, was allerdings auch kein größeres Problem darstellte, da sie in voller Kampfmontur waren und dadurch doch sehr langsam und unflexibel, was es ermöglichte durch einen Wald im Laufschritt 04-demonstranten-2.jpgvoran zukommen, wo sie uns auch nicht mehr lange folgten. Dann noch durch ein Feld und plötzlich war der Zaun in Reichweite, an einer nahegelegenen Anhöhe stießen Demonstranten direkt auf die Einsatzkräfte und es wurden auch immer mehr Beamte per Hubschrauber eingeflogen, die Lage spitzte sich, wie so oft in diesen Tagen zu, blieb aber weitestgehend friedlich. Nach einiger Zeit und spannenden Fotos ging es für mich zurück ins Camp, um dort mit meiner Arbeit fortzufahren bis ich wieder abreiste und das mit dem Fazit, dass es sehr ernüchternd war, dass der Anteil derer mit denen man ein System wirklich verändern könnte, doch verschwindend gering war und völlig unterging. Alles in allem kann man hier nicht von einer wirklich positiven Protestkultur sprechen.

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