Art for Europe

Kontinent der Kunst

Mit dem Daumen durch Europa Teil 1

Eigentlich wollte ich mit diesem Teil der Reiseberichte noch etwas warten aber nachdem das Flug-Special so gut ankam und es so viele meiner Leser erfreut hat, mache ich nun direkt mit dem großen Tramper-Special weiter. Wobei dies wohl ein Mehrteiler wird, da allein der Abschnitt über den ich nun berichten werde, mindestens einen Reisebericht alleine füllen wird. Die Tramperei ist schon seit langen, langen Jahren eine meiner Leidenschaften. Meine erste große Tour dieser Art unternahm ich kurz nachdem Fall des Eisernen Vorhangs mit einem guten Freund und wir trampten von Köln bis nach Budapest und später wieder zurück. Somit stand während ich das Projekt Art for Europe plante auch schon fest, dass ich immer wieder trampen würde. Nun muss ich natürlich auch einräumen, dass man auch immer wieder Negatives über das Trampen hört, dies kann ich aus meiner Erfahrung heraus so gut wie gar nicht bestätigen. Allerdings sollte sich jeder der sich auf dieses Abenteuer einlässt und ein Abenteuer ist es mit Sicherheit, genau überlegen, ob er sich im klaren darüber ist, was auf ihn zu kommt. Wie gesagt, ich kann nur sagen, dass meine Erfahrungen unter dem Strich durchaus Positiv waren, auch wenn es manchmal ziemlich hart war. Nachdem ich schon in einigen Berichten gerade auch über die Highlights der Tramperei in Kroatien berichtet habe, werde ich mich hier als erstes meiner großen Tour nach Bilbao in Spanien widmen.

Vom Bergischen Land bis nach Luxemburg

Zu diesem Zeitpunkt der Reise durch Europa, war ich schon öfters bis nach Frankreich und auch Spanien getrampt und wollte diesmal das Guggenheim Museum in Bilbao besuchen und das Mitten im Hochsommer. Ein auf Anhieb genialer Plan, dachte ich zu mindestens. Allerdings muss ich wohl einräumen, dass der Plan ein oder zwei kleine Fehler beinhaltete. Nachdem dieser Teil meiner Reise durch Europa auch ziemlich 01-kein-schwerverbrecher.jpggut von den Medien angenommen wurde, so gab es einen großen Zeitungsartikel dazu und ein Radio-Interview, lastete natürlich auch ein gewisser Druck auf mir. Nein, dass war natürlich nur ein Scherz, ich freute mich einfach nur über das Medieninteresse und wäre bei manch anderen Tourabschnitte glücklich gewesen, wenn es ähnlich gekommen wäre. So machte ich mich eines schönen Tages auf den Weg vom Bergischen Land in der Nähe von Köln gen Frankreich. Es war ein Freitag, als ich mich damals auf die Reise machte und das Wetter war hochsommerlich, zu mindestens bis ich kurz vor Luxemburg mit den ersten Gewittern zu kämpfen hatte und von einer Polizeistreife irgendwo im Nichts kontrolliert wurde, da man einen Schwerverbrecher suchte. Wie man dabei auf mich kam, weiß ich nicht aber so war ich jedenfalls beim Mittagessen nicht alleine.

Vielleicht waren dies auch schon erste versteckte Omen, wer weiß das schon. Als ich am frühen Abend, nach einem eher schleppenden Anfang, endgültig Luxemburg erreicht hatte, hatte es sich massiv eingeregnet. Ich war allerdings nicht sonderlich besorgt, da es schließlich nur gen Süden gehen sollte. Ich muss in diesem Moment verdrängt haben, dass ich mit genau diesem Ansatz schon einmal gescheitert war aber das ist eine andere Geschichte. 02-luxemburg-wasserbillig.jpgLuxemburg ist einer dieser Plätze in Europa, die zum Trampen perfekt sind, denn hier am Rasthof Wasserbillig gibt es vor allem billigen Sprit und aus diesem Grund auch eine recht große LKW-Tankstelle und so etwas ist für einen Tramper immer wie ein großer Bahnhof. An solchen Stellen teilt sich der Verkehr über ganz Europa auf. Allerdings musste ich bald erfahren, dass durch die Hauptreisezeit in Europa, wie in jedem Jahr, dass Sonntagsfahrverbot für LKW über das gesamte Wochenende ausgeweitet war, was meinen Plan natürlich erheblich durchkreuzte. Denn in der Ferienzeit kann man PKW als Reisemöglichkeit fast komplett vergessen, da wesentlich weniger Menschen beruflich unterwegs sind und umso mehr auf Ferientour und die sind meistens randvoll gepackt.

Von Luxemburg über Calais nach Paris

Trotzdem fand ich noch einen LKW der nach Nancy fuhr und mich mitnahm, allerdings hatten wir mittlerweile tiefste Nacht und so kam ich erst gegen 3 Uhr in Nancy an der Raststätte an. Nicht gerade die beste Zeit um von dort weiterzukommen. Trotzdem war es, wie immer Nachts an französischen Raststätte, sehr nett. Die Menschen, so hat es meine Erfahrung gezeigt, die einen nicht mitnehmen können geben einem in diesem Land immer einen Kaffee aus, was es wesentlich leichter macht durch die Nacht zu kommen. Irgendwie schaffte ich es dann auch gegen Mittag in Paris anzukommen. Allerdings auf einer Raststätte,03-nightbar-paris.jpg da ich es vermied in die Stadt zu kommen, da ich etwas müde war und nun schnellsten weiter nach Bordeaux kommen wollte, um von dort aus an mein Ziel nach Bilbao zu gelangen. Dies war ein weiterer kleiner Fehler, denn wie gesagt, es fuhren so gut wie keine LKW mehr. Die Raststätte in Paris war einfach nur der Knaller, es hatte mehr etwas von einem Feriendorf mit Übernachtungsmöglichkeiten, Spielhalle, Bar, Supermarkt etc. All dies machte meinen Aufenthalt zwar wesentlich angenehmer, half mir aber nicht wirklich weiter. Denn dadurch, dass hier eigentlich nur noch Urlaubsreisende hielten, hatte ich keine Chance hier weg zu kommen. Ich versuchte es bis am späten Abend.

Nachdem ich nun auf meine zweite Nacht ohne Schlaf zu ging, war ich positiv gestimmt aller spätestens am nächsten Tag irgendwie in einem Rutsch durch nach Bordeaux zu kommen und so auch einige Stunden schlafen zu können. Diese Aussicht und ein spannendes Buch brachten mich durch diese zweite Nacht ohne Schlaf, in der ich natürlich auch, sofern es ging, versuchte weiterzukommen. Am nächsten Vormittag sprach mich eine nette junge Frau an, welche mit ihrem 19-köpfigen Rockorchester auf dem Weg nach Lüttich in Belgien zu einem Konzert war und mir vorschlug doch einfach mitzukommen. Ich dachte mir, bevor ich bis Montag auf einer Pariser Raststätte versauere, kann ich mir lieber ein Konzert in Lüttich ansehen. 04-truck-to-calais.jpgLeider machte uns der Fahrer des Tourbusses einen Strich durch die Rechnung und so trennten sich die Wege leider direkt wieder. Allerdings lernte ich kurz danach Patrick aus dem englischen Leeds kennen, der eine Sondergenehmigung für seinen 44-Tonner hatte und so kam ich dort endlich weg. Patrick schlug mir immer wieder vor mit ihm auf die Insel zu kommen damit ich seine Familie kennen lernen würde aber ich wollte es doch lieber von Calais aus nach Bordeaux versuchen, gerade auch weil hier das Fahrverbot nicht galt. Patrick warnte mich noch eindringlich vor Calais, von wo aus er auf die Insel übersetzte und sich unsere Wege am Hafen endgültig trennten.

Calais eine wirklich krasse Stadt in Europa

So stand ich eines Sonntags irgendwann am späten Nachmittag in Calais am Hafenzubringer und mir wurde bald klar, was Patrick gemeint hatte. Calais ist einer der europäische Hauptknotenpunkte für illegale Einwanderer, die versuchen nach Großbritannien zu kommen. Hierbei handelt es sich meistens um Flüchtlinge aus Afrika, die alle etwas gemeinsam haben, sie sind meist völlig ausgebrannt und haben so gut wie nichts mehr zu verlieren. 05-port-calais.jpgDiese Fakten verstärkten meine Position nicht gerade und es war schon ein sehr komisches Gefühl, als der erste Mob von fünf Schwarzafrikaner auf mich zu kam. In diesem Moment war ich doch sehr froh, als ein LKW einen circa 30 Zentimeter langen, schweren Stahlhaken mit Gewinde verlor. Es beruhigte einfach. Natürlich gingen die Männer kommentarlos an mir vorbei, denn sie haben alle noch etwas gemeinsam, sie wollen um keinen Preis auffallen. Da der Abend nahte und damit die Dunkelheit, machte ich mich zur Sicherheit zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Außerdem wurde mir klar, dass ich nun wirklich Schlaf brauchte. So beschloss ich mir in Calais eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Der Weg in die Stadt war sehr heftig, denn zum einen war ich doch sehr erschöpft, was mit gut 20 Kilo Gepäck nicht sehr angenehm ist und zum anderen wurde ich auf dem Weg immer wieder von den angesprochenen Schwarzafrikaner, die nicht alle so ruhig und friedlich waren, wie noch die ersten, angefeindet. Zum anderen musste ich vom Hafen aus zu erst durch eine dieser, aus den Nachrichten bekannten, Vorstadtghettos und ich muss sagen, dass die dort lebenden, meist aus Nordafrika stammenden, Bewohner auch nicht gerade einen friedlichen oder gar freundlichen Eindruck machten.

Zu allem Überfluss bat mich dann noch ein sehr freundlich wirkender junger Mann um etwas Tabak und Blättchen, wobei die Freundlichkeit nicht gespielt wirkte und eigentlich eine nette Abwechslung war. Ich fragte ihn, wie ich am schnellsten in die City kommen würde und er lotse mich direkt ins Ghetto, was mein Vertrauen in ihn und die Situation massiv untergrub und ich zu sah, dass ich Abstand gewinnen konnte. Kurze Zeit später setze er mir auch schon mit einigen seiner Freunde aggressiv schreiend nach. Es geht doch nichts über einen kleinen Lauf am Abend mit vollem Gepäck. Ich schaffte es auf einen belebten Supermarktparkplatz, wo sie mir nicht mehr folgten. Ab da hatte ich kein Problem mehr, denn von dort aus bis zur Innenstadt reihte sich, fast nahtlos, ein Einsatzfahrzeug der französischen Polizei an das nächste. Wirklich eine nette Stadt. Zu allem Überfluss, fand ich hier keine Übernachtungsmöglichkeit, da alles entweder maßlos überteuert oder ausgebucht war. 06-nacht-lille.jpgAlso verließ ich die Stadt an der gegenüberliegenden Seite wieder und wollte einfach nur noch weg von diesem grausigsten Ort den ich bislang in Europa besucht hatte. Spät am Abend hielt auch endlich ein netter junger Mann, der auf dem Weg in Richtung Lille war. Mittlerweile war mir das Ziel egal, denn mir war klar, dass ich erst einmal zurück ins Bergische Land trampen würde, um neue Kraft zu sammeln und natürlich hier weg musste. Mitten in der Nacht ließ er mich nun an der Abfahrt in Lille raus und diese dritte Nacht ohne Schlaf sollte nicht ohne Folgen bleiben.

Belgien und endlich wieder Kaffee

Ich beschloss direkt von hier wieder wegzukommen, um schnellstens wieder nach Deutschland zu gelangen, als ich einen wirklich abgefahrenen Traum hatte. Problem, am Ende dieses Traums war ich circa 500 Meter von meinem Gepäck, welches ich zuvor abgestellt hatte, entfernt in einer kleinen Seitenstrasse. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in meinem Leben geschlafwandelt und das war eine wirklich schräge Erfahrung. Um in dieser Nacht nicht weiterer solcher Erfahrungen zu sammeln, beschloss ich in die Stadt zu laufen, da an dieser Stelle so oder so kaum noch Verkehr floss. Dort kam ich dann auch im Morgengrauen an. 07-tag-lille.jpgDa ich um die Zeit kein Cafe fand, was schon geöffnet hatte, beschloss ich diesem gescheitertem Stück Tour noch ein wenig Sinn zu geben, in dem ich noch ein paar meiner typischen Architekturphotographien schoss. Dann machte ich mich auf zu einem Kiosk, der immerhin schon auf hatte und frühstückte kurz, bevor ich mich wieder auf zur Autobahn machte, um den Heimweg anzutreten. In unmittelbarer Nähe dieser Autobahnauffahrt entdeckte ich einen Bahnhof und zum ersten Mal während der Tour dachte ich daran, einfach mit dem Zug nach Köln zu fahren. Während ich über diese nicht geplante Option nachdachte und mir dachte, dass auf diesem Tourstück so oder so nichts wie geplant laufen würde, hielt auch schon jemand an der mich mit ins tiefste Belgien nahm.

Ab hier fühlte ich mich wohl, denn zum einen hatten wir mittlerweile Montag und damit kein Fahrverbot für LKW mehr und von Belgien nach Köln ist es auch keine allzu große Herausforderung. Außerdem gab es dort, wo man mich raus gelassen hatte, ein wirklich grandioses Cafe und ich konnte endlich in Ruhe frühstücken und hatte auch endlich wieder 08-cafe-belgien.jpgunbegrenzten Zugriff auf Kaffee und der war auch wirklich nötig. Wie ich es mir dachte, war es dann auch kein Problem mehr von hier aus in Richtung Köln zu gelangen. Von Köln aus in mein Lager im Bergischen Land zu gelangen, war dann so oder so nur noch eine Leichtigkeit. Als ich am frühen Abend dort angelangt war, hatte ich nur noch ein Bedürfnis. Schlafen? Nein, ich freute mich, nach diesem wohl härtesten Tourabschnitt der gesamten bisherigen Tour, auf ein leckeres, kühles Bier, denn so etwas ist während des Trampens einfach nicht drin. Natürlich muss ich auch einräumen, dass ich danach erst einmal ziemlich lange geschlafen habe. Nun mag man meinen, dass einen so etwas unzufrieden stimmt, so ist es aber ganz und gar nicht. Denn natürlich habe ich mein Ziel Bilbao nicht erreicht aber ich habe unvergessliche Momente gesammelt, war in Städten und an Stätten, die nie geplant waren und habe so wieder spannende Photographien machen dürfen und der Haken aus Calais ist mittlerweile zu einem Kunstwerk mit dem Titel `Der Haken daran ein Engel zu sein` geworden. Aber hier ist mir natürlich auch zum erstenmal so richtig bewusst geworden, dass all dies nicht völlig risikofrei ist. Aber was im Leben ist schon völlig risikofrei?

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Bisher 5 Kommetare

  1. 12. August 2009

    | 11:39

    also das ist doch mal ein Abenteuer-Trip! Ist bestimmt ziemlich anstrengend aber auch einmalig! Das ist ja absolut nicht zuvergleichen mit einem “normalen” Urlaub. Ich bin gespannt wie es weiter geht!

  2. 27. Januar 2011

    | 10:33

    Wirklich cooler Trip. Ich war früher auch viel per Anhalter in Europa unterwegs… vielleicht sollte ich mal wieder los?

  3. 27. Januar 2011

    | 12:23

    @ Volker: Doch glaube mir das Trampen vermisse ich auch immer wieder!

  4. 25. April 2012

    | 12:27

    [...] leben in Irland nur 4,5 Millionen Menschen, das ist in etwa die doppelte Bevölkerungszahl von Paris. Das liegt daran, dass die Einwohnerzahl des Landes in Mitte des 19. Jahrhunderts drastisch [...]

  5. 13. Mai 2015

    | 08:24

    Bin noch nie mehr als 100 km getramt. Klingt aber schon spannend auf diese Art zu reisen. Vielleicht packt es mich ja auch mal.

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